Diese Untersuchung ist Teil eines größeren Projekts, das eine umfassende linguistische Studie über den Sprachgebrauch und die sprachlichen Einstellungen von Spanischsprechern im deutschsprachigen Raum zum Ziel hat. Es baut auf Untersuchungen auf, die bereits mit kubanischen Migranten in Miami sowie mit Latino-Migranten in Montréal durchgeführt wurden.
2025
Migration ist so alt wie die Menschheit selbst. Ihre Spuren sind tief in Sprache und Kultur eingebettet, und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sind weitreichend. Im einundzwanzigsten Jahrhundert sind Millionen spanischsprachiger Menschen Teil verschiedenster Migrationsbewegungen, und sowohl die Zahl der spanischsprachigen Migrantinnen und Migranten als auch die Geschwindigkeit, mit der diese Bewegungen stattfinden, haben stark zugenommen. Das heutige Spanisch lässt sich nicht vollständig verstehen, ohne diese menschlichen Bewegungen zu berücksichtigen – insbesondere jene, die Bevölkerungen aus Lateinamerika betreffen, wobei Länder wie Venezuela und Kuba besonders hervorstechen.
Venezolanerinnen und Venezolaner stehen beispielhaft im Zentrum dessen, was als die größte Migrationsbewegung dieses Jahrhunderts gelten könnte: Seit dem Jahr 2020 haben fast 7,9 Millionen Menschen das Land verlassen1. Laut Angaben der US-amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) sind zudem allein zwischen September 2022 und September 2024 über 850.000 Kubanerinnen und Kubaner – nahezu 8,5 % der Bevölkerung der Insel – in die Vereinigten Staaten eingewandert2. Die sprachlichen und kulturellen Auswirkungen einer derart groß angelegten Migration sind komplex und facettenreich: Sie betreffen sowohl die Ausgewanderten selbst als auch die Gesellschaften, die sie aufnehmen. Das Ausmaß dieser Einflüsse hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, insbesondere von der Sprache und den soziokulturellen Merkmalen des jeweiligen Aufnahmelandes.
Im deutschsprachigen Raum wächst die Zahl spanischsprachiger Personen stetig, und aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Migration in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Zweisprachige Kompetenz ist dabei von zentraler Bedeutung – nicht nur für Integration und kulturelle Entfaltung, sondern auch für das psychische und soziale Wohlbefinden. In der Realität jedoch wird dieses Gleichgewicht nur selten erreicht.
In den letzten Jahren wurden im deutschsprachigen akademischen Raum bedeutende Beiträge zum Verständnis der demografischen Entwicklung, der sozialen Dynamiken und der soziolinguistischen Profile dieser Gemeinschaften geleistet (vgl. Kabatek et al. 2022; Loureda et al. 2025; Loureda & Moreno-Fernández 2023). Darüber hinaus liegen gezielte Studien zu bestimmten Gruppen und Phänomenen vor. Dennoch ist unser Wissen über die sprachlichen Praktiken sowohl von Erstgenerationsemigrantinnen und -emigranten (LE) als auch von Herkunftssprecherinnen und -sprechern (LH) nach wie vor unvollständig. Auch über die sprachlichen Einstellungen, die sich innerhalb dieser Bevölkerungsgruppen herausbilden, ist bislang wenig bekannt. Im Gegensatz dazu ist die Forschung in den anglophonen und frankophonen Ländern – insbesondere in den Vereinigten Staaten – bereits deutlich weiter fortgeschritten (vgl. Benmamoun, Montrul & Polinsky 2013; Potowski 2011, 2021).
Ein vertieftes Verständnis dieser sprachlichen Prozesse ist nicht nur aus theoretischer Sicht von Interesse – etwa aufgrund struktureller Veränderungen und Innovationen, die häufig außerhalb monolingualer Normen entstehen –, sondern auch von großer praktischer Relevanz. Es ist unverzichtbar für die Entwicklung wirksamer sprachpolitischer Maßnahmen, für die Förderung der sprachlichen Kompetenzen von Herkunftssprecherinnen und -sprechern sowie für die soziolinguistische Integration von Migrantinnen und Migranten. Ohne ein fundiertes und detailliertes Bild ihres sprachlichen Verhaltens ist es nicht möglich, angemessen auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen zu reagieren. Wie die bisherige Forschung zeigt, weist jede migrantische Gemeinschaft ein eigenes sprachliches Profil auf, das sorgfältig berücksichtigt werden muss.
Ziel dieses Projekts, das auf früherer Forschung aufbaut, ist eine umfassende linguistische Untersuchung des Sprachgebrauchs und der sprachlichen Einstellungen spanischsprachiger Personen im deutschsprachigen Raum.
1 Figuera, N. C. (2025, May). Venezuela situation. UNHCR. https://www.unhcr.org/emergencies/venezuela-situation
2 U.S. Customs and Border Protection (2025). Nationwide Encounters. U.S. Government. https://www.cbp.gov/newsroom/stats/nationwide-encounters
Die zentrale Fragestellung dieses Projekts lautet: Ausgehend von der Annahme, dass Sprache sich ständig verändert, wie und in welchem Ausmaß verändert sich die Sprache venezolanischer Migrantinnen und Migranten in Wien?
Von diesem Ausgangspunkt aus lassen sich die folgenden spezifischen Forschungsfragen ableiten:
Interviews werden mit venezolanischen Migrantinnen und Migranten durchgeführt, die in Wien leben. Das Gespräch dauert etwa 30 Minuten und wird zunächst von einer nicht-hispanophonen Person geführt. Etwa 25 Minuten nach Beginn übernimmt eine venezolanische Interviewerin bzw. ein venezolanischer Interviewer, um mögliche Registerwechsel in der Sprachverwendung beobachten und auswerten zu können.
Mit Ausnahme der Fragen zur Migration orientieren sich die Interviewthemen an jenen des PRESEEA-Korpus, um einen Vergleich zwischen ausgewanderten und nicht-ausgewanderten Sprecherinnen und Sprechern derselben sprachlichen Varietät zu ermöglichen.
Während sich andere Teile dieses Projekts mit phonetischen und phonologischen Aspekten beschäftigen werden (insbesondere mit der Realisierung von /s/, von /ɾ/ vor einem Plosivlaut sowie mit der Nasalisierung von Vokalen), konzentriert sich meine Forschung auf morphosyntaktische Phänomene, darunter:
Alfaraz, Gabriela (2002): “Miami-Cuban Perceptions of Varieties of Spanish.” In: Handbook of Perceptual Dialectology (Vol. 2). Long, Daniel / Preston, Dennis (eds.). Philadelphia, PA: John Benjamins North America. 1-11.
Alvod, Scott (2010): “Variation in Miami Cuban Spanish Interrogative Intonation.” Hispania, 93, 2: 235-255.
Benmamoun, Elabbas / Montrul, Silvina / Polinsky, Maria (2013). Heritage languages and their speakers: Opportunities and challenges for linguistics. Theoretical Linguistics Volume 39, 3-4, 129-181.
Carter, Phillip / Callesano, Salvatore (2018): “The social meaning of Spanish in Miami: Dialect perceptions and implications for socioeconomic class, income, and employment.” Latino Studies, 16, 65–90.
Duany, Jorge (2017): “Cuban Migration: A Postrevolution Exodus Ebbs and Flows” Cuban Reserche Institut, FIU. https://www.migrationpolicy.org/article/cuban-migration-postrevolution-exodus-ebbs-and-flows
Fernández Parera, Antoni (2017): “Lexical influences and perceptions of Miami Cuban Spanish.” In: Cuban Spanish Dialectology. Cuza, A. (ed.) Washington DC: Georgetown University Press. 211–227.
Guzmán, Martha (2010): “Das Spanische in der Karibik: Selbst- und Fremdwahrnehmung.” In: Perzeptive Varietätenlinguistik. Krefeld, Thomas / Pustka, Elissa (eds.), Frankfurt am Main et. al: Peter Lang, 31-60.
Kabatek, J. et al. (2022). Demolingüística del español en Suiza. Instituto Cervantes / Universidad de Heidelberg / Universidad de Zúrich.López Morales, Humberto (2003): Los cubanos de Miami: lengua y sociedad. Miami: Universal.
Loureda, Ó. et al. (2025): El español como lengua de herencia y su oferta educativa en Europa. Policy Briefs del Observatorio del Español en Europa NO. 1. Heidelberg Center for Ibero-American Studies, Universidad de Heidelberg.
Loureda, Ó./ Moreno Fernández, F. / Álvarez Mella, H. (2023). Spanish as a Heritage Language in Europe: A Demolinguistic Perspective, Journal of World Languages, 9(1), 27-46.
Loureda, Ó / Moreno-Fernández, F. (eds.) (2023). Heritage languages and socialization: the case of Spanish, special issue of the Journal of World Languages, 9/1.
Loureda, Ó. / Moreno Fernández, F. (2023). Heritage language and socialization: an introduction, Journal of World Languages, 9(1), 1-14.
Lynch, Andrew (2000): “Spanish-Speaking Miami in Sociolinguistic Perspective: Bilingualism, Recontact, and Language Maintenance among the Cuban-Origin Population.” In: Research on Spanish in the United States: Linguistic Issues and Challenges. Roca, Ana (ed.). Somerville, MA: Cascadilla Press, 271-283.
Lynch, Andrew (2003): “The Relationship between Second and Heritage Language Acquisition: Notes on Research and Theory Building.” Heritage Language Journal, 1: 1-18.
Lynch, Andrew (2009): “A Sociolinguistic Analysis of Final /s/ in Miami Cuban Spanish.” Language Sciences, 31, 767-790.
Lynch, Andrew / Fernández-Parera, Antoni (2021): “Variable realization of final /s/ in Miami Cuban Spanish: the reversal of diachronic language change.” In: Sociolinguistic approaches to sibilant variation in Spanish. Núñez, Eva (ed.). London: Routledge, 164-191.
Sosa, Jorge Luis / Pérez-Díaz, Addiel (2018): “Las principales tendencias de la comunidad de emigrantes cubanos en España en los albores del siglo XXI. Papeles de Población, v. 24, n. 97, 195-225. https://doi.org/10.22185/24487147.2018.97.30
Terrell, Tracy (1979). Final /s/ in Cuban Spanish. Hispania, 62, 599–612.